Bis an den Rand der Erschöpfung

Ein Outdoor-Abenteuer, das einer Expedition gleichkommt, ist die zweiwöchige Skitour durch Ostgrönland. Die unendliche Eiswüste erweist sich dabei als farbenprächtige Welt voll bizarrer Formen, eine Schneelandschaft kann ungeheuer vielfältig sein. Gegen Erfrierungen, Orientierungslosigkeit und sonstige Katastrophen schützt eine erfahrene Reiseleitung, die schon manches verschworene Team bis an den Johan Petersen Fjord und auch wieder wohlbehalten zurückgebracht hat.

Weit über hundert Jahre ist es her, seitdem erstmalig ein Mensch dieses gottverlassene Stückchen Erde betreten hat. Wenn Fridtjof Nansen 1888 nicht den für damalige Verhältnisse extremen Wagemut besessen hätte, sich hier durchzukämpfen – wer weiß, ob es überhaupt jemals entdeckt worden wäre! Wer sich auf die Spuren des berühmten Polarforschers begeben möchte, ist gut beraten, sich erprobter Führung anzuvertrauen. Robert Peroni kommt aus Südtirol und kennt die Abenteuergebiete dieser Welt wie kein Zweiter: Spitzbergen, Hindukusch, auch die Nordtransversale ist ihm über die gesamte eisige Strecke von 1.300 km bekannt. Er hat hier mittlerweile seine zweite Heimat gefunden, er spricht die Sprache der Inuit, er kennt sich mit ihren Gewohnheiten aus. Wer die Naomiwüste in Afghanistan bezwungen hat und die Hitze in Saudi-Arabien überstanden hat, dem sollten doch ein paar Eisberge nichts mehr ausmachen. Die letzten zwei Jahrzehnte hat er in ihrer Gesellschaft verbracht.

Bis auf 1.200 Meter geht es hinauf auf dem Weg zum Fjord, vorbei an türkis glitzernden Formationen, denen die Sonne ihre ganze Farbenpracht entlockt. Ineinander verkeilte Scholle, strahlende Kristalle, dünenartige Landstriche, Staubtrockenes – nicht umsonst kennt die Sprache der Inuit so viele verschiedene Bezeichnungen für Eis und Schnee. Der kleine Ausflug beginnt in Tasiilaq, der Rückweg kann im Helikopter oder mit dem Boot organisiert werden. Akernerkak ist eine Station auf der Reise, eine weitere der Sermilik-Eisfjord; wo Pickel und Seile nicht weiterhelfen, kommt das mitgeführte Boot zum Einsatz. Selbstverständlich ist die Expedition heute besser gerüstet als gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wer mitziehen möchte, muss dennoch ein gerüttelt Maß an Biwakerfahrung im Winter vorweisen können. Außerdem sollte er teamfähig sein, denn wenn man derart aufeinander angewiesen ist, kann jeder Fehltritt schlimme Folgen haben.

Dass man dafür eine gute Kondition braucht, versteht sich wohl von selbst. Nur so kann der Facettenreichtum des ewigen Eises genossen werden, bevor es dafür eines schönen Tages womöglich zu spät ist. In besiedelten Gebieten lässt sich erfahren, wie das Leben hier zu meistern ist, am südöstlichen Ende des Johan Petersen Fjords türmen sich drei gewaltige Gletscher als Ausläufer des Inlandeises zu einem architektonischen Naturschauspiel auf. Vom Bergrücken aus hat man den Überblick über den Fjord, der Weg über die Gletscher lässt sich in den unteren Bereichen auch ohne Steigeisen bewältigen. Rückt jedoch die erste Spalte ins Blickfeld, ist es damit vorbei. Wo die Schneefelder bereits abgeschmolzen sind, ergibt sich durchaus die Gelegenheit für ein erfrischendes Bad. Voraussetzung dafür ist es, ein wenig abgehärtet zu sein.


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